Vortrag auf dem Missionstag des Hilfskomitee Aquila in Harsewinkel am 25. Oktober 2025
Wir feiern in diesem Jahr das 35-jährige Bestehen des Hilfskomitee Aquila. Doch müssen wir dabei zugeben, dass die Geschichte unseres Hilfskomitee nicht erst 1990 begann. Wir führen unsere Wurzeln zurück auf Brüder, die schon vor 170 Jahren den Dienst der Evangeliumsverkündigung und der Verbreitung der Bibel und evangelistischer Schriften in dem riesigen Russischen Zarenreich begannen. Vieles darüber kennen wir aus den Beschreibungen von Hans Kasdorf in dem Buch „Flammen unauslöschlich“, das vor 36 Jahren erschienen ist. Weitergeführt wurde dieser Dienst später von unseren Glaubensgeschwistern, die nach der Vernichtung der Gemeinden im Stalinismus in den 1930er Jahren bewegt wurden, den Glauben an Christus zu bekennen und neu zu verkündigen. Ihr Dienst ist in dem Buch von Jakob Penner (2023) „Tröstet, tröstet mein Volk” ausführlich beschrieben.
Zu Beginn der 1990er Jahre geschah ein Wunder, für das wir lange gebetet und mit dem wir doch nicht gerechnet hatten. Die Sowjetunion zerfiel und das kommunistische System zerbröckelte. Und während Ideologie und Wirtschaft zusammenbrachen, öffneten sich viele Menschenherzen für die Wahrheit, dass der Mensch viel mehr braucht als kurzzeitige Propaganda und plakative Parolen. Mitten in einer zerfallenden und orientierungslos werdenden Gesellschaft boten sich plötzlich unbegrenzte Möglichkeiten zur Evangelisation. Mit einem Mal standen wir vor Hunderten und manchmal Tausenden von Menschen, die hören wollten, was Gott ihnen zu sagen hat. Dies war eine sehr große Herausforderung für die Gemeinden, die bis dahin vielmehr nach innen und im Untergrund funktioniert hatten, und erzeugte völlig neue Bedarfe.
Während die Auswanderung der Russlanddeutschen nach Deutschland die Gemeinden in der ehemaligen Sowjetunion sehr stark ausgedünnt hatte, bestimmten gleichzeitig die evangelistischen Einsätze zunehmend das Gemeindeleben. Für diese vielen Einsätze wurden in erster Linie Evangelien, Bibeln und evangelistischen Schriften benötigt, und dazu Drucktechnik, Zelte, Autos und vor allem Mitarbeiter, die bei den Zeltevangelisationen, Kinderwochen und Kinderlager halfen. Diese wachsenden Bedarfe waren den kürzlich nach Deutschland ausgewanderten Geschwistern ein Anliegen.
Im Juli und August 1990 trafen sich in Bielefeld mehrere Brüder im Alter von 30 bis 45 Jahren, darunter auch einige, die zu dem Zeitpunkt noch in Kasachstan lebten. Alle waren im sowjetischen System aufgewachsen und brannten jetzt für die Evangelisation. Die Ausgewanderten bemühten sich mit allen Kräften, den Geschwistern in der Sowjetunion von Deutschland aus zu helfen. Diese Brüder bildeten die erste Generation des Hilfskomitee Aquila.
Zunächst verlief die Arbeit privat auf der Basis von freundschaftlichen Netzwerken, die bei der früheren Untergrundarbeit im Osten der Sowjetunion entstanden waren. Die Gemeinden in Karaganda waren die erste Drehscheibe für die Unterstützung, die sich dann aber über ganz Kasachstan und Sibirien verteilte, wodurch sich das Netzwerk bedeutend ausweitete.
Wie kam man auf den Namen „Aquila“?
Der informelle Arbeitskreis übernahm den Namen Aquila, weil er ähnlich dem Mitarbeiter des Apostels Paulus die missionarische Tätigkeit jetzt im Osten der Sowjetunion unterstützen wollte. Der organisatorische Aufbau von Aquila verlief langsam, zunächst in Privaträumen oder gemieteten Räumlichkeiten, bis schließlich im Jahre 1999 das heutige Gelände in Steinhagen gekauft wurde, auf dem dann neue Büroräume und Lagerräume gebaut wurden. Zunächst bestand die Arbeit des Hilfskomitees vor allem daraus, evangelistische Schriften in die damals noch existierende Sowjetunion zu bringen. Doch der endgültige formale Zusammenbruch der Sowjetunion Ende 1991 war von einer schweren Wirtschafts- und Versorgungskrise begleitet, so dass plötzlich auch in starkem Maße humanitäre Hilfe benötigt wurde.
Als die ersten Transporte mit Lebensmittelpaketen bei uns in Karaganda ankamen, war ich persönlich erstmal erstaunt. Ich fragte mich: „Glaubt man in Deutschland, dass wir hier nichts zu essen hätten?” Doch nur wenige Wochen später machte sich der allgemein ausgebrochene Mangel an Lebensmitteln auch in Karaganda bemerkbar. Menschen verloren ihre Arbeit, die Inflationsrate von 2800 % (1992) ließ all ihr angespartes Geld wertlos werden. Die Betriebe waren nicht imstande, die Löhne anzuheben und oft auch nicht imstande, sie überhaupt auszuzahlen.
Über die Strukturen des Hilfskomitees, das damals noch kein eingetragener Verein, sondern eine Privatinitiative war, konnten schnell viel Hilfsgüter weitergereicht werden. Doch die damit einhergehenden Briefe, Quittungen, Bescheinigungen, Rechnungen, Transportunternehmen, Zollerklärungen und die Arbeit mit Grenzbehörden, Zoll, Finanzämtern und Kontrollorganisationen machten es bald erforderlich, dass „Aquila” im Jahr 1998 als Verein eingetragen wurde.

Die Arbeit im Büro des Hilfskomitees war vielfältig: Berichte über die Situation im Osten wurden geschrieben, Spenden angenommen, abgeholt, sortiert und gelagert, LKW mit Hilfsgütern be- und entladen, kritische Situationen verschiedenster Art mussten gelöst werden. Viele Geschwister, insbesondere die damals „jungen” Rentner, die selbst in großer Not, Deportationen und Arbeitslagern aufgewachsen waren, zeigten große Hilfsbereitschaft und setzten viel Kraft und Zeit für diese Arbeit ein. Diese Generation ist heute nicht mehr unter uns. Stellvertretend nenne ich hier Peter Kornelsen, der jahrzehntelang das Lager verwaltete und vor fünf Jahren (2020) von unserem obersten Dienstherrn in die himmlische Heimat abgerufen wurde.
Wie in der Zeit der Apostel (Apg 11,30) waren es in Deutschland vorwiegend die durch Aussiedler neu gegründeten Gemeinden, die das Einsammeln der Hilfsgüter ermöglichten. In Kasachstan waren die zu Missionszentren gewordenen älteren Gemeinden diejenigen, über die Weitergabe und Verteilung der Hilfsgüter und Schriften passierte. Neben der Bereitstellung von Schriften, Technik, Lebensmitteln, Kleidern und Medikamenten wurde in den Ländern, in denen alles kaputt war und Menschen keinen Lohn mehr erhielten, auch finanziell unterstützt. Empfänger waren die aktiven Gemeinden, die dank dieser Hilfe mehr Freiheit für ihre Missionsarbeit hatten, aber auch beispielsweise Pflege- und Kinderheime, darunter auch neu aufgebaute christliche Einrichtungen. Während solche Anstalten in Deutschland nur mit viel Mühe und Aufwand zustande gebracht werden können, konnten sie dort mit der nötigen Unterstützung zuweilen sehr schnell aus dem Boden wachsen.
Der Kern der Arbeit von Aquila begann in Karaganda und Umgebung, weitete sich aber auf Kasachstan und Sibirien, später auch auf die Ukraine und Mittelasien aus und wird heute auch in Moldawien und Bulgarien geleistet.
Viele Hunderte freiwilliger Mitarbeiter beteiligten sich unentgeltlich an der Arbeit des Hilfskomitees. Es ist nicht möglich, alle zu nennen, ich möchte jedoch auf einige Personen eingehen, die besonders prägend waren. Aus der ersten Generation sind das insbesondere Jakob Penner aus Harsewinkel, der heute in den aktiven Ruhestand begleitet wird, Viktor Hildebrand aus Bielefeld (2006 verstorben), Woldemar Daiker aus Bielefeld (2018 verstorben), Peter Bergen aus Neuwied, und Nelly H. aus Harsewinkel – letztere ist auch heute noch dabei. In Kasachstan waren es Gerhard Warkentin – der Evangelist und Älteste der MBG Karaganda (2018 verstorben), Franz Tissen, der Älteste der Gemeinde in Saran und Vorsitzender der Baptistenbundes (mittlerweile nach Deutschland gezogen, aber immer noch intensiv tätig), Harry Besel in Saran (2015 verstorben) und Natalia Kowalko (2025 verstorben), die vielleicht weniger bekannt ist, die mit ihrer wertvollen Korrekturarbeit aber viele Bücher für den Druck auf Russisch vorbereitet hat. In Sibirien waren es Peter Isaak (Ältester der Gemeinde in Slawgorod, 2022 verstorben), Nikolai Dickmann aus dem Omsk-Gebiet (2024 verstorben).
In der Arbeitswelt sind 35 Jahre eine ganze Generation. So ist es auch bei Aquila. Eduard Ens und Andreas Penner haben die Leitung der Arbeit von Jakob Penner übernommen. Jakob Penner, der 35 Jahre faktisch der Leiter des Hilfskomitees gewesen ist, wurde auf dem Missionstag verabschiedet. Ob es ein Ruhestand sein wird, da bin ich auch nicht sicher. Der Herr wird uns ja irgendwann zur Ruhe bringen, aber es ist nicht unsere Aufgabe jetzt im Dienste des Herrn jemanden in den Ruhestand zu bringen. Wir können nur sagen, dass die Verantwortung jetzt auf anderen Schultern liegt.
Zu diesem Anlass bekam Jakob Penner als Geschenk eine Wanduhr. Auf dem Zifferblatt ist der Bibelvers aus Galater 6,10 eingraviert: „Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann“. Hoffentlich hat Jakob noch viel Zeit Gutes zu tun.
Das Hilfskomitee Aquila hat vielen sehr verschiedenen Menschen Gutes getan, darunter Deutsche, Russen, Kasachen, Ukrainern, Usbeken und vielen mehr. Zeit ist Auftrag: die jüngeren Aquila-Brüder haben mit der Inschrift Jakob nicht in den Ruhestand verabschiedet, sondern nochmal auf den Auftrag hingewiesen. Der Vers aus dem Galaterbrief ist nicht vollständig zitiert, weiter heißt es „besonders aber an den Hausgenossen des Glaubens“. Das Hilfskomitee Aquila hilft nicht einfach, wo Not ist, sondern dort, wo Gemeinden missionieren, evangelisieren und sie diese Hilfe auch weitergeben können.
Das Hilfskomitee Aquila ist keine Missionsorganisation. Mission ist die Aufgabe der Gemeinde. Die Aufgabe von Aquila hingegen war und ist Hilfe für Mission. In erster Linie führen wir den Auftrag von Aquila auf Jesu Auftrag an die Jünger zurück, und zwar nicht nur im Sinne des Predigtauftrags an die Apostel und ihre Nachfolger, sondern auch im Sinne der Hilfeleistung. Jesus nahm Hilfe in Anspruch, vor allem von seinen Nachfolgern, von denen wir immer wieder lesen, dass sie ihm dienten. Auch der Apostel Paulus nutzte die Hilfe des Unternehmers Aquila, der unserem Hilfskomitee daher auch den Namen verleiht. So wie Aquila Paulus in seinem Predigt- und Missionsdienst unterstützte, will auch das Hilfskomitee Aquila denen helfen, die evangelisieren und missionieren – in erster Linie also den Gemeinden. Gott segne den weiteren Hilfsdienst!
V. F.














