Gott schenkt Lieder in der Nacht

Kommentar zur aktuellen Ukraine-Krise

Es ist jetzt eine Woche vergangen, seitdem sich die Zeit in „vorher“ und „nachher“ teilt. Vor einer Woche, am Mittwoch, kamen wir zu einem Gebetstreffen zusammen, beteten, sangen und freuten uns. Wir haben auch für die Situation zwischen Russ- land und der Ukraine gebetet und sind wie immer mit Freuden nach Hause gegangen. Am Morgen wurden wir von einer schrecklichen Nachricht überrascht. Eine Art Unwirklichkeit, ein unheimlicher Traum. In den ersten Tagen bin ich morgens aufgewacht und habe mich gefragt, ob das wirklich wahr ist.


Die Nachrichten ließen das Gehirn explodieren und erzeugten Angst, Unsicherheit und Panik. Ein Informationskrieg hat begonnen: Wo ist die Wahrheit, wo ist die Halbwahrheit, wo die Lüge? Wie kann man objektiv sein? Wo bleibt die Gerechtigkeit? In der heutigen Versammlung wurden wir an den Text aus dem Buch Richter erinnert, in dem es heißt, dass die
Israeliten das taten, was ihnen gerecht erschien, aber diese Vorgehensweise machte sie nicht glücklich. Was für den einen gerecht ist, ist für den anderen eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Kinder schreien schon von klein auf bei Streitigkeiten: „Das ist ungerecht, das ist nicht fair!“ Jede Seite meint, sie habe das Recht, so zu handeln, wie sie es tut, und jede Seite versucht ihr Handeln zu rechtfertigen. Und so ist es überall: in der Politik, im Sport und in der Familie. Aber Gerechtigkeit ist weit von der Wahrheit entfernt! Man kann nicht ein Gleichheitszeichen zwischen diesen beiden Begriffen setzen. Um ein objektives Urteil fällen zu können, muss man die Wahrheit kennen, aber in der Regel werden wir die Wahrheit entweder nie erfahren oder sie wird erst viele Jahre später bekannt. Und unsere eigene Meinung kann sich jeden Tag ändern.


Wo bleibt also die Wahrheit? Endlich ziehe ich den Kopf aus meinem Computer. Das ist schwierig, denn die Flut der Nachrichten fesselt und packt mich, ich sitze stundenlang und lese. Ich verliere meinen Appetit, ich schlafe schlecht, mein Herz schmerzt, aber ich kann mich nicht aus dem Strom herausreißen. Schließlich beschließe ich: Heute höre ich keine Nachrichten, schalte den Computer nicht ein, lese keine Streitereien in sozialen Netzwerken und lasse mich nicht auf Polemiken ein. Dort habe ich
die Wahrheit nicht gefunden. Wo ist sie denn? Es ist klar, wo sie ist! Aber wie öffne ich die Bibel, wenn ich eine solche Flut von Informationen habe? Ich öffne Matthäus 24 und lese: „Ihr werdet aber von Kriegen und Kriegsgerüchten hören; habt acht, erschreckt nicht; denn dies alles muss geschehen.“ Wie oft habe ich das schon gelesen und gehört! Ich war nicht entsetzt, als ich von Kriegen in Afrika, in Asien oder im Nahen Osten hörte. Sie waren weit weg, es ging mich nichts an. Ich hatte Mitleid mit den Menschen und seufzte: „Stimmt, es ist die letzte Zeit.“ Aber wie anders ist es jetzt: „Herr, wie kann man nicht entsetzt sein, denn unsere Freunde, Verwandten, Brüder und Schwestern sind dort in der Ukraine.“ Wenn ich das Wort „erschreckt nicht“ aussprechen würde, hätte ich nicht das Recht, es zu sagen, denn ich bin entsetzt und habe Angst. Aber dies sagt Christus, der die letzte Wahrheit spricht. Er spricht mit Autorität und Macht! Also kann ich mich Ihm anvertrauen. Wie kann ich das bloß tun?
Wie oft habe ich es gesagt, wie oft habe ich es behauptet, und jetzt sage ich es so vorsichtig: „Also kann man Ihm vertrauen“? Die Zeit der jahrelangen Theorie ist vorbei, jetzt ist es Zeit für die Praxis. Herr hilf! Christus erklärt weiter, warum man sich nicht fürchten muss. „Denn dies alles muss geschehen.“ Es ist erschreckend, dies zu sagen, und noch schwieriger ist es, das zu akzeptieren. „Herr, warum muss das sein? Geht es nicht ohne Tränen, ohne Angst, ohne Kummer, ohne Tod?“ Christus lässt diese Fragen unbeantwortet. Dies alles muss geschehen! Wenn ich darüber nachdenke, erinnere ich mich an die Worte: „Und so gewiss es den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben.“ Ob es nun bestimmt ist oder sein muss – die Bedeutung ändert sich nicht. Und das wird auch niemand bestreiten. Ein alter und kranker Mensch stirbt und wir wissen, dass wir eines Tages über seinen Tod benachrichtigt werden. So muss es sein. Es ist viel einfacher, ein Kind oder einen jungen Menschen zu behandeln als einen alten Menschen. Seine Krankheiten sind oft unheilbar, seine Schmerzen nehmen zu, sein Leben erlischt und endet. Unsere Welt ist sehr alt, ihre Krankheiten werden schlimmer und länger und die Welt nähert sich ihrem Ende. Deshalb treten hin und wieder an einer Stelle des Körpers Verletzungen und blutende Wunden auf. Die Welt geht ihrem Ende entgegen. Das ist schmerzlich zu hören, aber es ist auch eine gute Nachricht für die Gläubigen: „Erhebt eure Häupter, weil eure Erlösung naht.“
Eine Blume als Geschenk der Hoffnung
Ein Speisesaal für die Geflüchteten in Moldawien
Angesichts des Zustands unserer Gemeinde, anderer Gemeinden und meines eigenen Zustands habe ich von Zeit zu Zeit gebetet: „Herr, erwecke uns nach Deinem Wort.“ Ich denke, dass eine Erweckung oft stattfindet, wenn es Erschütterungen, verschiedene Katastrophen und Kriege gibt. Und jetzt nehme ich als ob meine Worte zurück: Man will kein Unglück. Aber wie weckt man uns dann auf? Es gibt Zeiten, in denen der Mensch den Wecker nicht hört. Er wird geweckt, gerufen – alles vergeblich. Dann wird er mit kaltem Wasser überschüttet, erlebt plötzlichen Stress, springt auf, schimpft, beschuldigt alle, und wacht schließlich auf. Der Herr weckt uns mit vielen Worten und Predigten, die Er uns immer wieder und auf unterschiedliche Weise sagt. Aber nachdem die Menschen die Freiheit verspürt hatten, stürzten sich viele ins Leben, verdienten Geld, umgaben sich mit Annehmlichkeiten und Luxus, machten Urlaub am blauen Meer, angelten, gingen ihren Hobbys nach und so weiter. Das war alles schön und gut, aber aus irgendeinem Grund geriet Gott in Vergessenheit, die Gottesdienste wurden langweilig, die Lieder wurden langatmig und die Bibel schien veraltet zu sein. Jetzt ist plötzlich alles anders: Die Lieder sind eine Quelle des Trostes, die Gebete belasten uns nicht, wir können Leben im Wort sehen, und es tut so gut, sich in Gottes Armen zu wissen! Heute sangen wir „Preist den Herrn, preist Ihn im Gesang” – viele kennen diese Melodie. In den ersten Sekunden schien es mir unpassend: Gebete belasten uns nicht, es tut gut, sich in Gottes Armen zu wissen
„in harmonischem Gesang, in freudigem Lobpreis…“ Aber dann folgten die Worte: „inmitten von Angst und inmitten von Leid.“ Freudig singen inmitten von Angst und Leid? Offensichtlich hat der Autor dieses Liedes etwas Schweres erlebt und inmitten von Leiden gesungen. Ein gutes, fröhliches, christliches Lied hilft sehr, zu überleben und nicht zu verzweifeln. Wir singen leider immer weniger, das betrifft zumindest mich. Aber als ich im Auto saß und den Informationsfluss stoppte, begann ich leise zu singen: „Ich werde dich nicht verlassen und nicht vergessen“ und ich wurde erleichtert und ruhiger. Vielleicht würden diejenigen, die in Kellern ohne
Heizung, Essen und Strom sitzen, sagen: „Ich wünschte, wir hätten deine Probleme.“ Auch wenn ich so etwas Schlimmes noch nicht persönlich erlebt habe, bin ich sehr verständnisvoll, mitfühlend und besorgt und bete für die Betroffenen zum Herrn. Und Er ist ein schneller Helfer im Unglück. Wenn ich dies von mir aus schreiben würde, hätte ich nicht das Recht dazu. Aber dies ist das maßgebliche Wort des
Herrn, und es ist an der Zeit, dem zu vertrauen, was wir im Laufe der Jahre gehört und verinnerlicht haben. Herr, segne alle, die leiden, tröste die Trauernden, sende den Hungrigen Brot und gib uns die Kraft, im Glauben zu bestehen und Dir zu vertrauen! G. B.

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